Kreativität und Spielerisches Denken

Das Durcheinander um den Begriff der Kreativität

Der Begriff der Kreativität hat immer noch etwas Schillerndes an sich und die Gelehrten streiten sich seit Jahrzehnten darüber, welche Definition dieses Phänomen des menschlichen Geistes wirklich exakt beschreibt. Als wissenschaftlich gebildete Diplompsychologin gehe ich daher stets nur von "Annäherungen" und gewissen, noch nicht widerlegten Hypothesen dieses Begriffes aus und verzichte auf schwammige, womöglich esotherische Umschreibungen.

Definition der Kreativität als Prozess

Ich arbeite vorwiegend mit einem kognitiven theoretischen Ansatz der Kreativität, der nach Ellis Paul Torrance folgendermaßen definiert ist: "KREATIVITÄT ist der Prozess der Sensitivierung gegenüber Problemen, Mängeln, Wissenslücken, fehlenden Elementen, Disharmonien etc.: Man entdeckt die Schwierigkeit, sucht nach Lösungen, stellt Vermutungen an und Hypothesen auf, modifiziert sie und testet sie erneut, um dann anschließend das Ergebnis mitzuteilen."

Aus experimentellen Befunden und aus den Berichten berühmter Wissenschaftler und Künstler wurden Stadien- oder Phasenmodelle entwickelt, deren Stufen in der Zeit zwischen dem Entstehen eines Problems und einer akzeptablen Lösung liegen. Alle Modelle sind miteinander vergleichbar, sie unterscheiden sich jedoch hinsichtlich der Differenziertheit der Sichtweisen und der schwerpunktmäßigen Betonung des Zueinanders von unbewussten und bewussten Prozessen. Sie finden hier ein Fünf-Phasen-Modell des kreativen Prozesses, das sich in der Praxis bewährt hat.

  • Problemwahrnehmung
  • Problemformulierung
  • Ideenfindung
  • Ideenbewertung
  • Ideenrealisation

Einbettung des kreativen Prozesses in die Bereiche divergentes - konvergentes Denken

Jeder kreative Prozess ist dadurch gekennzeichnet, dass niemand voraussagen kann, was dabei herauskommt, weil neue, eigenständige und originelle Ideen erzeugt werden. Dieser Prozess steht damit im Gegensatz zum herkömmlichen "logischen Denken", wo "mithilfe des gesunden Menschenverstandes" ein richtiger Lösungsweg zu einer richtigen Lösung führt. Letrzteres wird "konvergentes Denken", ersteres "divergentes Denken" genannt (nach Joy Paul Guilford).

Konvergentes Denken

Dieser Begriff tauchte zuerst im Zusammenhang mit dem Intelligenzbegriff auf: Intelligenz wurde mithilfe von Tests ermittelt, deren Aufgaben auf jede Frage nur eine richtige Lösung verlangten. Die vorher gelernten Informationen sollten auf dem Lösungsweg benutzt und verarbeitet werden, um zu einem bestimmten Resultat zu kommen. Guilford sieht daher das hervorstechendste Merkmal dieses streng folgerichtigen Denkens im Erkennen und Reproduzieren einer einzig richtigen Lösungsmöglichkeit. Deshalb kann man behaupten, dass mit ausreichendem Tatsachenwissen (bezogen auf ein Fachgebiet oder auf eine umfangreichen Informationspool) sowie der Fähigkeit, logische Ableitungen zu bilden, die richtige Lösung gefunden werden kann. Eine Lösung, die von vorn herein schon feststand.

Dazu ein Beispiel:

Sie halten einen aktuellen Stadtplan in der Hand und wollen von Ihrem Standort aus den kürzesten Fußweg zu einem Ziel in der Innenstadt erkunden. Dafür gibt es genau eine richtige Lösung.

Divergentes Denken

Wiederum im Zusammenhang mit dem Intelligenzbegriff und seiner Untersuchung durch Tests wurde herausgefunden, dass bestimmte Individuen zu ganz anderen Lösungen kamen, die aber in sich ebenfalls folgerichtig aus der Aufgabenstellung hervorgingen. Sie unterschieden sich dadurchdass sie ungewöhnlich, eigenwillig, neu und damit erfinderisch waren. Sie sprengten dadurch den Rahmen des damaligen Intelligenzkonzeptes. Diese Ideen waren dadurch gekennzeichnet, dass sie sich vom Bekannten ausgehend gleichzeitig in mehrere Richtungen bewegen und neue folgerichtige Lösungen erzeugten. Sie unterschieden nicht zwischen "falsch" und "richtig", sondern galten alle als gleichwertig.

Dazu ein Beispiel:

Sie werden gebeten, einen Aufenthalts- und Entspannungsraum für die Mitarbeiter in einem Unternehmen zu konzipieren und zu gestalten. Dafür gibt es stets mehrere richtige Lösungen.

Diese Form des Denkens steht in engem Zusammenhang mit dem kreativen Problemlösungsprozess und soll bei der Schwierigkeit helfen, Kreativität zu definieren. Synonym mit dem Ausdruck "divergentes Denken" verwende ich auch die Begriffe des Lateralen oder Spielerischen Denkens, der von Edward de Bono eingeführt wurde. Laterales Denken ist für ihn "eine Haltung und eine Gewohnheit des Geistes". Üblich ist auch der Begriff "Querdenken".

Rezepte (Algorithmen) zum Nachmachen oder Schablonen (Heuristiken) als Suchhilfe

Ein vorliegendes Problem wird häufig dadurch gelöst. dass man über ein Rezept verfügt, dessen Anwendung den genauen Weg zur Lösung beschreibt. Solche Rezepte werden auch "Algorithmen" genannt. Ein Algorithmus ist "ein eindeutig bestimmtes Verfahren zur schematischen Lösung einer Klasse von Aufgaben". Sie kennen dies vom Kochen - aber auch von Ihrem PC: Die Programme, mit denen Sie arbeiten, lassen nur eine bestimmte Anzahl von Anwendungsmöglichkeiten zu, nämlich soviele, wie der Programmierer in den Computer eingebaut hat. Durch den Algorithmus werden also Handlungsanweisungen gegeben, die sagen, welche Vorgehensweise bei der Bearbeitung eines Problems die zweckmäßigste ist.

Beispiel: Malen nach Zahlen, wobei jeder Zahl in einem vorgegebenen Feld in einer vorgegebenen Zeichnung eine vorgegebene Farbe entspricht, die man einzufügen hat.

Diese Hilfen zur Problemlösung können jedoch nicht in jedem Fall angewendet werden, da es Klassen von Aufgaben gibt, die noch keinen Algorithmus haben, oder solche, für die es aus inhaltlichen Gründen niemals einen geben wird.

In letzterem Fall bietet sich die Möglichkeit des "trial-and-error" (Versuch und-Irrtum-Verfahren) an, von mir auch "trial-and-horror" genannt, die allerdings sehr unökonomisch sind. Um die Zahl der allgemein möglichen Lösugsversuche zu verringern und dadurch die Wahrscheinlichkeit einer schnelleren Lösung zu erhöhen, können dann sogenannte "Heuristiken" eingesetzt werden: Sie stellen Schablonen dar, die die Zufälligkeit der Lösungsversuche reduzieren, die Vorgehensweise ordnen und dadurch - vielleicht - schneller zum Ziel kommen. Im Unterschied zum Algorithmus garantieren heuristische Verfahren keinen Erfolg.

Das divergente Denken bedient sich hauptsächlich der heuristischen Methoden und spielt im kreativen Prozess ein große Rolle, der ja gerade kein genaues "Lösungsprogramm" hat. Schöpferische Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie über eine besonders große Anzahl heuristischer Methoden verfügen, die sie je nach Bedarf einsetzen. Allerdings ist der Besitz heuristischer Mechanismen kein Ersatz für fehlendes Wissen.

Beispiel: Aquarellmalen nach Musik, wobei der Farbauftrag auf dem feuchten Aquarellpapier "verläuft" und die Musik den Zuhörer spontan dazu verleitet, sowohl zu der vermittelten Stimmung passende Farben auszuwählen, als auch die Formen den Rhythmen und Klängen anzugleichen.

Abschließend möchte ich noch einmal betonen, dass der kreative Prozess (erläutert am divergenten Denken) und der logische Problemlösungsprozess keine sich völlig voneinander ausschließenden intellektuellen Vorgehensweisen sind. Beide kognitive Vorgänge haben Parallelen und weisen Unterschiede auf.

Vergleich konvergentes und divergentes Denken

Kreativität (als divergentes Denken) und Problemlösen (als konvergentes Denken) können auf folgenden Dimensionen variieren, wobei angenommen wird, dass in beiden Prozessen jeweils verschiedene Aspekte dominant werden können, sich jedoch nicht gegenseitig behindern.

  • Dimension Regel versus Freiheit (Maß der Freiheit)
  • Stark versus schwach determinierte Aufgabe (Maß der Determiniertheit)
  • Streng versus weniger streng vorgegebene Zielvorstellungen (Maß der Zielgerichtetheit)
  • Bestimmtheit versus Vagheit der Vorbereitung (Maß der Präparation)
  • Bestimmtheit versus Unbestimmtheit des Suchbildes (Maß des Algorithmus)
  • Verfügbarkeit versus Neuerfinden von Strategien (Maß vorhandener Strategien)
  • Eine richtige Antwort versus viele richtige Antworten (Maß der Anzahl der Lösungsalternativen)
  • Übliche Antworten versus unübliche Antworten (Maß der Seltenheit)
  • Förderung versus Hemmung durch Erfahrung (Maß des Voreingenommenseins)
  • wenig versus hohem Einfluss durch Vor- und Unbewusstes (Maß der Rolle des Vor- und Unbewussten)

 

Bei Interesse nehmen Sie bitte Kontakt zu mir auf. Vielen Dank!

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